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Als ich einmal ein Mädchen dabei beobachtet habe, wie es im Senckenberg Museum Skizzen von einem Dinosaurier-Skelett anfertigte und darin vollkommen versunken war, habe ich mich gefragt, ob das Museum nicht auch ein guter Ort für das Schreiben sein kann. Ich nahm mir die diesjährige Nacht der Museen in Frankfurt am Main zum Anlass, um in kurzer Zeit mehrere Ausstellungen zu besuchen, durch Gänge zu streifen und dabei Eindrücke und Ideen zu notieren.

Was macht das Museum zu einem guten Schreibort?

Museen sind Orte voller Geschichten. Sie blicken in die Vergangenheit und erzählen dabei von unserer Gegenwart. Sie geben Antworten und werfen gleichzeitig neue Fragen auf. Sie geben Impulse und schulen das Beobachten. Nicht zuletzt deshalb bieten Museen Kurse für Kreatives Schreiben vor Ort an.

Falls du noch nicht in einem Museum geschrieben hast, ermuntern dich diese Gründe bestimmt dazu.

1. Konzentration und unvergleichliche Atmosphäre

Bereits beim Betreten entfaltet ein Museum seine Wirkung. Hohe Decken, galerieartige Treppenaufgänge, verwinkelte Gänge. Nirgendwo sonst entfliehst du dem Alltag und der Stadt schneller. Nirgendwo sonst bist du mehr bei dir und das trotz der Nebengeräusche. Alles verschwimmt zu einem Grundrauschen. Die knarrenden Holzdielen, die Schritte, die einen Hall in den Räumen hinterlassen, das Murmeln einer kleinen Gruppe. Du tauchst ab auf eine gedankliche Reise und lässt dich treiben. Für das Schreiben eignen sich Sitzbänke oder weniger belebte Nischen. Nimm dir Zeit für deine Gedanken und Empfindungen, die die Ausstellung bei dir auslöst, um dich ganz nach innen zu wenden und zu konzentrieren.

2. Fragen, Antworten und Gedankenanstöße

Eine gute Ausstellung gibt Antworten, aber sollte unbedingt neue Fragen stellen. Nimm diese Fragen mit und trage sie eine Weile mit dir herum. Das Museum ist ein Ort, der Assoziationen weckt und Gedanken miteinander verknüpft. Ausstellungen, die ein Thema aus mehreren Perspektiven beleuchten, sind ein wahrer Fundus für Ideen. Die Nacht-Ausstellung des Museum für Kommunikation erzählt unter anderem vom Nachtleben, Schlaflosigkeit, Sternenhimmel, Nachtarbeit, Lichterfesten und nächtlichen Angstgestalten. Jedes Thema für sich genommen bietet genügend Anregungen, doch vielleicht hat dir ein Thema gefehlt und du erweiterst die Ausstellung kurzerhand selbst auf dem Papier.

3. Beobachten und neue Eindrücke notieren

Im Museum gibt es viel zu sehen und teilweise auch zum Anfassen: Gemälde, Skulpturen, Videos oder Installationen. In all diesen sinnlichen Eindrücken steckt Stoff für Geschichten oder Figuren. Der Schlüssel dazu ist das Beobachten. Du könntest einen Gegenstand in eine Geschichte verweben oder dir das Aussehen oder (vermutete) Eigenschaften einer Figur aus einem Gemälde zu eigen machen. Wie du dich von Kunst zum Schreiben inspirieren lässt, erkläre ich in einem anderen Artikel.
Was das Museum als Schreibort außerdem interessant macht, sind die anderen Besucher*innen. Setz dich für eine Weile hin und beobachte das Treiben: Was machen eigentlich die anderen?

4. Dialoge mit Künstler*innen und Besucher*innen

Ist es nicht spannend zu erfahren, wie andere Künstler*innen arbeiten und zu ihren Themen gefunden haben? Viele Ausstellungen setzen sich am Rande mit der Biografie, den (Lebens-)Themen und dem Schaffensprozess der Künstler*innen auseinander. Das sind Einblicke, die dich dazu anregen, über deinen eigenen Schreibprozess und dein Schaffen nachzudenken.
Mit den Künstler*innen vor Ort ins Gespräch zu kommen, ist eher unwahrscheinlich, doch bietet eine Ausstellung genug Stoff, um sich mit anderen Besucher*innen, seiner Begleitung oder innerhalb einer Museumsführung auszutauschen.

5. Wissen und Wortschatz erweitern

Frei nach einem Zitat von Thomas Jefferson* gilt für die eigene Weiterentwicklung: Wenn du immer dorthin gehst, wo du schon warst, wirst du immer dort bleiben, wo du bist. In einem Museum lernst du immer etwas Neues: Wörter, historische Ereignisse, Zusammenhänge, Meinungen, Perspektiven, Persönlichkeiten, fremde Kulturen. Es lohnt sich daher auch Ausstellungen zu besuchen, die auf den ersten Blick für dich untypische Themen behandeln – doch damit eröffnet sich dir ein Zugang zu neuen Welten.

Digitales Museum für zu Hause

Für alle, die eine Ausstellung verpasst haben oder sich vorab ein Bild von ihr machen zu können, lassen sich Ausstellungen auch online von zu Hause entdecken. Immer mehr Museen stellen online ein umfangreiches Material zur Verfügung. Für die Ausstellung O Sentimental Machine von William Kentridge hat das Liebighaus in Frankfurt ein Digitorial zusammengestellt. Das Museum für Kommunikation hat einen so genannten Expotizer zur Ausstellung Die Nacht. Alles außer Schlaf.

Nach dem Besuch

Woran möchtest du dich nach einem Museumsbesuch erinnern? Damit die Ausstellung nicht so schnell an dir vorüber zieht, notiere dir abschließend ein kurzes Fazit. Wie zum Beispiel den Namen des Gemäldes, das dich am meisten beeindruckt hat oder den Raum, in dem du am meisten Zeit verbracht hast. Worüber möchtest du mehr erfahren und später weiter recherchieren?

Hast du schon einmal im Museum geschrieben?

Welche Erfahrung hast du gesammelt? Kommt das Museum für dich als Schreibort überhaupt infrage? Berichte mir gerne davon in den Kommentaren.

 


* If you want something you’ve never had

You must be willing to do something you’ve never done.

Thomas Jefferson


 

/ Lesezeit: 4 Minuten
Ann-Christin

Ann-Christin

Ann-Christin (*1988) ist Redakteurin von Federschrift. Sie studierte Literaturwissenschaft, veröffentlichte Kurzprosa und nahm an Schreibwerkstätten teil. Bis heute schreibt sie in allen Lebenslagen und will hier zum Schreiben inspirieren und mit Stories unterhalten.

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