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Ein Geheimtipp sind die Morgenseiten von Julia Cameron schon lange nicht mehr. Tausche ich mich mit anderen Schreibenden aus, so fallen sie irgendwann. Entweder, weil der- oder diejenige keinen Nutzen in ihnen gefunden hat oder es gibt die fleißigen Anwender. Doch es sich lohnt, den Morgenseiten eine zweite Chance zu geben und sich bewusst zu machen, wie sie beim Schreiben helfen können und wo ihre Grenzen liegen.

So funktionieren die Morgenseiten

Die Morgenseiten (im Original: Morning Pages) sind in erster Linie eine Methode und tägliches Ritual, um kreative Blockaden zu lösen und den Schaffensprozess anzuschieben.

Für Morgenseiten gelten überschaubare Regeln:

  • Beschreibe morgens direkt nach dem Aufwachen drei Seiten, idealerweise DIN A4-Seiten,
  • unbedingt handschriftlich,
  • ohne abzusetzen und mit allem, was dir gerade durch den Kopf geht.

Es geht darum, einen Schreibfluss zu erzeugen und sich ganz auf sich und das Schreiben zu fokussieren. Die Erfinderin der Morgenseiten, Julia Cameron, ist überzeugt, dass hier alles zu Papier kommt, was zwischen dir und deiner Kreativität steht. Dabei ist es egal, welche kreative Arbeit du ausübst oder ausüben möchtest. Cameron hat die Morgenseiten nicht ausschließlich für Schriftsteller entwickelt, sondern für alle Menschen, die kreativ arbeiten und auch die, die sich nicht darüber im Klaren sind, dass sie dies überhaupt können.

Die Morgenseiten als kreative Schreibtechnik

Methodisch betrachtet, sind die Morgenseiten eine Form des Assoziativen Schreibens. Ähnlich dem Freewriting und dem Automatischen Schreiben wird ohne Vorgaben drauflos geschrieben. Alles, was dir auch nur irgendwie in den Sinn kommt, schreibst du auf. Da du mit der Hand schreibst, synchronisieren sich deine Gedankengänge mit der Geschwindigkeit deiner Hand. Dir kommen vielleicht Gedanken, was heute alles ansteht, für den Tag geplant ist, vielleicht hängst du noch in dem Gefühl des Aufwachens fest, notierst Eindrücke und Fetzen deiner Träume, die dich wieder zu anderen Gedanken führen.

If you have a problem and you take it into Morning Pages, you will be given a sense of a possible next step. – Julia Cameron

Je öfter du Morgenseiten schreibst, desto routinierter wirst du. Mal sind die Seiten zäh, wiederholend, mal erreichen deine Gedanken eine gewisse Tiefe und du fühlst stärker in dich hinein. Vielleicht kommen immer wieder dieselben Themen zur Sprache. Das mag langweilig erscheinen und hier gelangen manche Morgenschreiber*innen an den Punkt, an dem sie aufhören. Doch mit der Zeit stellt sich Klarheit ein und wenn sich ein Gedanke immer wieder in den Vordergrund drängt, können die Morgenseiten auf diese drängenden Fragen die Antworten geben und dich zum Handeln bringen.

Gegen Blockaden und den inneren Kritiker anschreiben

Indem du schreibst, ohne den Stift abzusetzen, hast du keine Zeit, nach Formulierungen zu suchen. Stattdessen schreibst du alles so auf, wie es dir in den Sinn kommt, inklusive Sätzen und Fragmente, die du nicht zu Ende denkst, weil dir vielleicht etwas anderes eingefallen ist. Das ist gut, denn so gewöhnst du dich daran, das Geschriebene nicht zu bewerten.

The Morning Pages will teach you to stop judging and just write. – Julia Cameron

Der innere Kritiker und eine voreilige Bewertung der Gedanken sind die Ursachen für Schreibblockaden schlechthin. Die Morgenseiten blenden den inneren Kritiker aus, oder den Zensor, wie Cameron ihn nennt, und helfen gegen den Perfektionszwang oder einen überhöhten Anspruch an erste Entwürfe oder das eigene Schaffen generell.

We are training our Censor to stand aside and let us create. – Julia Cameron

Helfen die Morgenseiten für das eigene Schreiben?

Es ist wichtig zu verstehen, dass das Schreiben der Morgenseiten nicht mit einer Schreibübung gleichzusetzen ist. Sie sind eine Kreativmethode, mit der du dich frei schreibst von gedanklichem Ballast. Alles was du aufgeschrieben hast, ist raus aus deinem Kopf und es gibt mehr Platz für deine Kreativität und eigenen Geschichten. Es kann sein, dass dir während der Morgenseiten Einfälle kommen, wie du eine Szene gestalten kannst. Vielleicht fällt dir etwas ein, was du Tage zuvor beobachtet hast und worüber du eine Geschichte schreiben könntest. Sie können dir aber auch Ideen geben, was du alles gerne in deinem Leben ausprobieren oder verändern möchtest. Je ehrlicher du bist, desto stärker wirst du profitieren.

Den größten Nutzen der Morgenseiten sehe ich darin, sich an das Schreiben ohne zu korrigieren zu gewöhnen. Das erleichtert, den ersten Entwurf herunterzuschreiben und ihn als solchen anzuerkennen. Außerdem habe ich nach Jahren des Morgenseiten-, Journal- und Tagebuchschreibens bemerkt, wie sich durch das ungefilterte Fließen der Worte mein eigener Schreibstil herauskristallisiert hat. Mir sind immer wieder Satzstrukturen und Eigenheiten aufgefallen, die ich inzwischen auch bewusst gerne verwende.

Was tun mit den Morgenseiten?

Die häufigste Frage, die sich stellt, ist: Was mache ich mit den vielen Seiten, die täglich mehr werden? Julia Cameron rät, sie sich für die ersten Wochen gar nicht erst durchzulesen und niemandem zu zeigen, um weiterhin unbefangen zu schreiben. Befreie dich von dem Anspruch, mit den Morgenseiten etwas Künstlerisches zu schaffen oder außergewöhnliche Formulierungen finden zu wollen. Die Schüler ihrer Kurse haben die Morgenseiten verbrannt, geschreddert oder begraben. Doch aufbewahren geht natürlich auch.

Die Morgenseiten sind wie eine Chronik, die dein Innenleben und Lebensphasen dokumentieren. Es ist spannend, sie mit etwas Abstand durchzulesen und Erkenntnisse daraus zu ziehen, Muster im eigenen Leben und den Gedanken zu erkennen – und hiervon etwas in deine kreative Arbeit einfließen zu lassen. Ausprobieren und dran bleiben lohnt sich und dazu ermutigt auch Julia Cameron mit den Worten: “Es gibt keinen falschen Weg, Morgenseiten zu schreiben”.

Was ist mit dir: Schreibst auch du Morgenseiten?

 

Quellen und weiterführende Literatur

Cameron, Julia (1994): The Artist’s Way: A Spiritual Path to Higher Creativity. London: Souvenir Press.

Cameron, Julia (2013) The Miracle of Morning Pages: Everything You Always Wanted to Know About the Most Important Artist’s Way Tool: A Special from Tarcher/Penguin. New York: Penguin Publishing Group.

/ Lesezeit: 5 Minuten
Ann-Christin

Ann-Christin

Ann-Christin (*1988) ist Redakteurin von Federschrift. Sie studierte Literaturwissenschaft, veröffentlichte Kurzprosa und nahm an Schreibwerkstätten teil. Bis heute schreibt sie in allen Lebenslagen und will hier zum Schreiben inspirieren und mit Stories unterhalten.

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